Noch mal 30 Jahre?

Wann werden sie soweit sein, zu erkennen, dass die Kriterien der westlichen Werte nicht für alle und jeden und auch für viele Ostdeutsche vor der Angliederung/Annexion/Wende nicht galten und bis heute nicht gelten?

Keine Frage, nach den Kriterien des westlichen Vorbilds ist der Lebensstandard für eine Mehrheit der Menschen in Ostdeutschland gestiegen. Mehr Auto, mehr wie 25 Sorten Nudeln und jeden Tag Bananen.

Das Paradies der kapitalistischen Warenwelt hat uns Ostdeutsche erreicht, aber wie im Paradies eben auch, die Äpfel sind madig. Oder viel zu glänzend. Und mit mehr Chemie belastet, als gut für ost- wie westdeutsche Gesundheit ist. Es sind nur selten Luxusgüter, die wir uns leisten, auch haltbares Gut ist selten. Mal ehrlich, wer will denn eigentlich sein Leben lang in einem Bockspringbett schlafen?

Das Paradies der grenzenlosen Reise- und Redefreiheit hat uns Ostdeutsche ereilt. Wie waren wir glücklich. Aber der Geldbeutel gibt nur die Reisefreiheit in das Pauschalhotel her. Aber die Gedanken sind frei. Wir können uns den Individualurlaub oder die Entdeckungsreise ja herträumen.  Und die Traum- und Redefreiheit ist allumfassend. Was immer du sagst oder nicht, es interessiert keinen. Wenn es soweit kommt, dass es jemanden interessiert, dann wirst du suspendiert.  Aber frei reden kann jeder, wo er will.

Wir Ostdeutsche befinden uns im Paradies der individuellen Bedürfnisbefriedigung. So haben wir uns das vorgestellt und herbeigesehnt, jedes Mal, wenn wir die Werbung sahen im Westfernsehen. Jedenfalls war es aus der Ferne das Paradies und nur solange, wie wir die falschen Vorstellungen von unseren dringendsten Bedürfnissen hatten. Das schöne Auto benutzen wir nicht hauptsächlich zum rum-cruisen, sondern zum Pendeln zur Arbeit oder zum Arzt, oder wenn die Kinder in den Sport oder in die Therapie gebracht werden müssen.

Das Paradies der bunten Medienvielfalt und der unerschöpflichen Zerstreuungs- und Unterhaltungsindustrie geht uns dermaßen auf den …, auf die Nerven! Alles so blutig und/oder so flach. So eintönig gleich und falsch, die Morde, die Models, die Reality-Shows.

Keine Frage, nach den Kriterien des westlichen Vorbilds ist der Lebensstandard für eine Mehrheit der Menschen in Ostdeutschland gestiegen.

In den westlichen Kriterien kommen auch ein würdevolles Altern, eine garantierte Krankenversorgung, eine umfassende und gleiche Bildung, niveauvolle Unterhaltung und alle diese Dinge nicht vor. Nicht nur nach ostdeutschen Kriterien ist in selten erahntem Ausmaß die soziale Ungleichheit und gesellschaftliche Spaltungen gestiegen.

Nach Kriterien, für die viele unsere Mütter und Väter standen, und für die auch wir oft standen, auch wenn es uns zu dem Zeitpunkt selten so bewusst war, nach diesen Kriterien haben wir Ostdeutsche (und mit uns die Menschheit) einiges verloren. Darunter sind Frieden, Menschlichkeit, Sicherheit, Geborgenheit, Gleichheit, Mitspracherecht, Emanzipation, und einige mehr dieser eigenartigen Dinge, die in westlichen Betrachtungen selten zur Sprache kommen.

Wir gaben das Prinzip des Friedens auf. Denn seitdem werden wieder Kriege geführt, zu denen wir unsere Söhne und Töchter senden. Seitdem gibt es Bettler und Obdachlose auf unseren Straßen. an denen wir vorbeilaufen und uns schämen, und seitdem gibt es wieder Tote bei Bandenkriegen auf unseren Straßen.

Die Diskussionsrunden im Fernsehen oder im Radio, bei Darstellungen in Filmen und Reportagen, in Büchern der „Bürgerrechtler“ und der, sich bestens im Osten auskennenden, Neu-Ostler und auch in den Angeboten in verschiedenen Veranstaltungen, in Verbänden und in Vereinen, selbst am Biertisch ist es nicht möglich mit den Menschen, von schulisch Vorgebildeten über Bildzeitungsgebildete bis zu Spiegellesern, eine neutrale, das heißt alle Themen gleichberechtigt behandelnde, Diskussion zu führen. Die Auseinandersetzungen und Betrachtungen beschränken sich auf bestimmte Gebiete. Ständig thematisiert werden die rechte Ideologie und der Rechtsextremismus, „Stasi“ und Diktatur, Gewalt, Flucht. Ausländerfeindlichkeit, Freiheit. Alle meinen, das seien die zentralen und typischen  ostdeutschen Themen.

Ich halte für typisch westdeutsche Themen: Ausbeutung im Kapitalismus, Ungleichbehandlung der Frau und dergleichen Themen mehr. Doch keiner will mit mir ausschließlich über diese Themen reden.

Aber es sind die Themen, über die wir reden sollten. Über diese und in diesen Corona-Zeiten besonders über ein Gesundheitswesen, das der Zeit entspricht und die Bedürfnisse der Menschen erfüllt; reden über Gesundheitsvor und -fürsorge, die nicht hauptsächlich marktrelevanten Kriterien folgt, sondern den Menschen dient. In Ost und in West und überall auf der Welt.

Hans Kleiner

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Es ist wieder soweit

Es ist wieder mal fast unerträglich. Der Jahrestag naht. Für die im Westen Deutschlands sozialisierten Menschen ein, wie ich denke, relativ unbedeutendes Datum, sie haben es nicht so mit Staatsfeiertagen. Für den Ostdeutschen ein Feiertagsdatum seit 30 Jahren. Aber immer weniger ein Datum zum feiern.

Drumherum die ungebrochene staatstragende Feierlaune in den Medien.

Das (GEZ-finanzierte) brandenburgische Radio bringt ein Feature mit einer, in der DDR sozialisierten, im Elternhaus zur Widerstandskämpferin gegen FDJ und sozialistisches Eigentum erzogenen Katholikin. „Die Gedanken sind frei“ wird als tragendes Motto genutzt und mit emotionalem Erfolg im Hintergrund intoniert und benutzt.

Im Fernsehen laufen endlos Sendungen mit Ulbrichts Mauerbau und Hitlers Hund. Beides Diktaturen und kein Kontrastprogramm, so die Botschaft. „Nie wieder Sozialismus!“ – das ist der Willen der Ausstrahlenden. Und ich muss das mit meinen, ja, auch mit meinen GEZ-Gebühren, auch noch bezahlen. Wenn es wenigstens „Nie wieder Diktatur!“  heißen würde, dann könnte ich mich mit meinen freien Gedanken noch auf Hitler und Konsorten konzentrieren. Oder noch besser: „Nie wieder Krieg!“ – Dann würde ich sagen, ich habe meine GEZ-Gebühren nicht gegen meine Interessen, Wünsche und Gedanken zahlen müssen. Aber nein, nicht einmal das gönnen sie  mir.

Wie muss es sie schmerzen! Wie muss es in ihnen wühlen! Ja, ich gönne es ihnen. Ja, ich bin froh all diese abgeschmackten Lügen zu sehen, all diese hilflosen Argumente, dies Plattheiten, diese gemeinen und so hinterhältigen Vergleiche. Ja, sie haben es verdient. Und immer noch haben sie es nötig. Ihre Angst ist größer als je zuvor! Ja, ich kann hämisch grinsen und genüsslich drehe ich das Radio aus und lege mir eine Konstantin Wecker-CD ein. „Die Gedenken sind frei!“ (Songs an einem Sommerabend 2015) und „Wie haben sie uns belogen“ und …

Sie haben es immer noch nicht kapiert: Auch wenn sie uns belügen und manipulieren, wenn sie uns mit Corona versuchen zu disziplinieren, zu überwachen und die Ausplünderung weiter vorantreiben, sie können die Idee der demokratischen und sozialen Gesellschaft aus freien Menschen, die nicht auf kapitalistische Ausbeutung beruht, nicht mehr aus den Köpfen herausdrängen. Die Ideen und die Gedanken sind frei!

Und: Am Anfang war das Wort!

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Zar Putin und die Demokratie

Russland hat eine Volksbefragung zur Verfassungsänderung durchgeführt. Dem Held Russlands soll jetzt Gelegenheit gegeben werden, noch ein paar Jahre zu regieren. Im Namen des Volkes.

Der Westen regt sich auf. Was sonst. Der neue Zar in Russland, wo gibt es den sowas, wenn es denn eine Demokratie sein soll, dann muss auch eine demokratische Wahl zugelassen werden und überhaupt nicht zulässig sei, wenn sich der neue Zar sich auf Lebenszeit selbst wählen läßt.

Sehen wir es uns an, die Fakten, nur die Fakten.

Russland hat eine Volksabstimmung über seine Verfassung durchgeführt. Und tatsächlich hat das Volk, das Wahlvolk über eine Veränderung abgestimmt. In Berlin (Deutschland) wird gerade ein Volksbegehren zerschmettert. Die Gesetze in Deutschland machen es möglich. Es geht nicht um die Verfassung, es geht nur um Wohnungen in Berlin.

Auch in Russland ist die Volksabstimmung, das Volksreferendum, zur Verfassungsänderung nicht zwingend. Aber es wurde auf Beschluss der Volksvertretung, der Duma (nicht durch einen Putin-Prikras) beschlossen. Putin mag einen gewissen Einfluss auf die Abgeordneten haben, aber sie halten auch dagegen, wenn es sein muss.

Die SZ (Süddeutsche Zeitung) findet das alles andere als demokratisch. Weil über mehrere (46? Ich habe sie nicht gezählt) Punkte gleichzeitig abgestimmt wurde, nicht nur über die Verlängerung der Amtszeit des Präsidenten der Russischen Föderation. Es wurde auch gar nicht über Putin abgestimmt. Wenn das Volk bei der nächsten Wahl der Meinung ist, Putin macht’s nicht mehr, dann wird ein anderer gewählt. Es wurde ja nur die Beschränkung der Anzahl der Amtszeiten aufgehoben.

Das ZDF (Zweites Deutsches Fernsehen) ist ebenfalls der Meinung, in Russland ist alles sehr undemokratisch. Auch werben die (russischen) staatlichen Medien unrechtmäßig für eine Zustimmung zu erhöhtem „Mutterschaftskapital“, „Recht auf soziale Garantien“, „Mindestlohn“, „Muttersprache“, „Ehe“. In Folge der Verfassungsänderung wird es Gesetze geben, die das Mutterschaftsgeld erhöhen, einen Mindestlohn festlegen und grundlegende soziale Leistungen zusichern und einklagbar machen. Das Volk, der große (hier russische) Lümmel lässt sich natürlich von den Medien einlullen und wählt sich so gleich einen neuen Zaren.

Wie dumm, dass das russische Volk hier selbst etwas entscheiden muss.

In Deutschland wird das Volk erst gar nicht gefragt. Die „Volksparteien“ lassen sich wählen, setzen lauter Rechtsanwälte in das Parlament und diese schmieren sich gegenseitig mit Diäten, bis es oben wieder rauskommt. Diese Berufspolitiker entscheiden, nicht etwa das Volk, über die Verfassungsänderungen (wenn man denn zulässt, dass das undemokratisch entstandene GG (Grundgesetz) als Verfassung des „neuen deutschen Volkes“, des zusammengekleisterten WEST-OST-Volkes gelten soll.)

Es gab bisher rund 59 Änderungen des GG. Ein Beispiel: Das GG sah ursprünglich vor, dass es sich selbst auflöst und durch eine Verfassung ersetzt wird, sobald das West-Ost-Volk sich wieder vereinigt. Als es dann soweit war, da wurde durch das Parlament beschlossen, dass das GG dahingehend geändert wird, dass es weiterhin gilt, als deutsche Verfassung. Die Änderung fand nicht durch ein Volks-Referendum statt, sondern das Parlament schätzte ein, das es keine politische Mehrheit für die Schaffung einer Verfassung geben würde.

Eben auf die gleiche Art und Weise wurden Änderungen zur Privatisierung von Staatsbetrieben, zum Zurückdrängen des Föderalismus, zur Grundsicherung der Bevölkerung (Abbau derselben), zu Auslandseinsätzen der Bundeswehr, zur Einführung und zur Abschaffung der Wehrpflicht, und so weiter, durchgeführt.

Als Organ der absoluten Volksmacht („Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus…“) diente einzig das Parlament. Da ist im demokratischen ‚Staat „Bundesrepublik Deutschland“ keine „Volksabstimmung“ vorgesehen. Es gibt im GG (das in seiner ursprünglichen Form von den damaligen(westlichen) Besatzungsmächten genehmigt (!) wurde, keine Passage, die da eine Volksabstimmung zulassen würde.

Es gibt für die Deutschen die Möglichkeit des „Volksbegehrens“. Das aber muss der Innenminister (z.Z. wohl Herr Seehofer) genehmigen und wenn das Parlament gnädig die Ergebnisse zur Kenntnis genommen hat, muss das Parlament sich nicht weiter darum kümmern. Das Volk ist, nach den Wahlen, von jeder Mitwirkung ausgeschlossen. Aber, das deutsche Volk scheint damit leben zu können.

Und es wäre für die Regierenden und für diejenigen, die die souveräne Macht des Volkes ausüben (Abgeordnete, Fraktionsvorsitzende) auch unzumutbar kompliziert. Welcher Aufwand, wenn das deutsche Volk vielleicht seine Ablehnung gegenüber der Lagerung ausländischer Atombomben auch verfassungsmäßig durchsetzen würde! Da wäre dann noch die Auslandsstationierung deutscher Soldaten, Kriegsbeteiligung, der Beherbergung ausländischer Soldaten generell, der Mindestlohn, und wahrscheinlich einige andere Dinge, die auf den Tisch kämen.

Aber brauchen wir das? Wollen wir das brauchen? Sollen wir überhaupt darüber nachdenken, was „Demokratie“ im Wortsinn wirklich ist?

Nachtrag: Das neue Wahlgesetz wird noch mehr die Kandidaten der Parteien stärken. Damit entscheiden wenige Führer, nämlich die der Parteien, vollkommen unbeeinflusst und unbeeindruckt vom Volk, über die Geschicke Deutschlands.

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Das Vertrauen in die Macht

Das Vertrauen und die Macht

Lieber Freund,

ich schreibe, weil ich es nicht mehr aushalte. Auch Du kamst neulich und warst begeistert über die neuen Möglichkeiten des bargeldlosen Zahlens. Nur noch an der Kasse vorbeilaufen und … schon bist du dein Geld los. So unkompliziert.

Du hast Dich lustig gemacht über meine Skepsis gegenüber den Neuerungen im Zahlungsverkehr. Als wir dann ernsthaft darüber sprachen hast Du ins Feld geführt, dass es viele Vorteile bringt, dass es vor allem schnell und komfortabel ist und unkompliziert, papierlos, zeitgemäß (modern) …, und dann war Deine Beweisführung zu ende. Ach ja, für die Ladeninhaber ist es von Vorteil, sie müssen abends nicht mehr zur Bank, um die Einnahmen abzugeben.

Als ich versuchte mit meinen Gründen dagegen zu halten, kamst Du mit dem alles schlagenden Argument, dass ich diesen Fortschritt gar nicht aufhalten kann.

Ich sage Dir: Du hast recht. Ich kann den Fortschritt nicht aufhalten. Maschinenstürmerei bringt nichts. Nach meinen Informationen, deren Wahrheitsgehalt ich allerdings nicht prüfen kann, es ist nur vom Hörensagen, von einem der in China war oder vorgibt dort gewesen zu sein und der dort sogar schon am Imbisstand an der Straße bargeldlos bezahlen konnte und das der Normalzustand ist, jedenfalls behauptete er das, also nach meinen Informationen ist das eben in China, was hier gerade erst beginnt, schon Usus, das bargeldlose Bezahlen.

Ich habe eine wahnsinnige Angst davor. Wenn ich an das bargeldlose Zahlen denke und die zunehmende Abhängigkeit von der Elektronik, den Smartphones, den anderen Abhängigkeiten, die gerade aufgebaut werden, dann wird mir ernsthaft übel und ich überlege, wie ich dem entgehen kann. Die Leute lassen sich in Schweden, glaube ich, ja schon Chips unter die Haut implantieren, um dann sogar ganz ohne zusätzliche Mittel, nur mit „körpereigenen“ Merkmalen, als Zahlungsmittel zu gelten. Dieser Fortschritt liegt mir so auf der Seele, dass er mich krank macht.

Ich rede hier gar nicht von den Missbrauchsmöglichkeiten durch Kriminelle. Vom CCC (Computer Chaos Club) wird immer wieder vorgeführt, wie schnell ein Fingerabdruck gefälscht werden kann, oder sie haben auch gezeigt wie der Iris-Scan überlistet wird, ohne dem Inhaber das Auge rauszureißen, wie man es im Film sieht. Auch von der Sicherheit von Pins und TANs und den Übertragungswegen will ich gar nicht reden. Es gibt immer Kriminelle, die Möglichkeiten finden.

Ich will hier auch nicht davon reden, dass ältere Leute in Europa sich manchmal schwer tun mit neuer Technik und die Handhabung von Smartphones für ältere Menschen manchmal selbst bei gutem Willen gar nicht möglich ist. Sehvermögen, Schnelligkeit, Treffsicherheit (Tasten) und solche Dinge lassen einfach mit dem Alter nach und die alten Menschen können nichts dafür, so wie der Mensch im Allgemeinen nichts dafür kann, dass er älter wird. Und mal so nebenbei: Alte Menschen kommen an sich ganz ohne Computer aus. Sie haben eine oder mehrere Erdbeerpflanzen im Garten oder im Balkonkasten und dort wachsen die Früchte, real und nicht virtuell. Aber sie reichen eben nicht aus, sich zu ernähren, ab und an müssen sie in den Supermarkt.

Nein, reden will ich davon, wieviel Macht über sich selbst jeder Mensch anderen einräumt, wenn er den anderen gestattet Zahlungsvorgänge bargeldlos mit ihm abzuwickeln.

Oder andersherum gesagt: Wie machtlos und hilflos bist Du, mein Freund, wenn der Strom ausfällt oder das Internet nicht funktioniert?

Es gibt noch andere Szenarien, die Dich ganz schön dumm aussehen lassen: Du schreibst einen unliebsamen Artikel gegen Deine Bank und sie sperren Dir das Konto (damit auch Deine Kredite). Obwohl es natürlich keinen negativen Eintrag in die „Schufa“ gibt, ist doch dort die Kontokündigung vermerkt. Jede Bank und jeder Kreditgeber kann es dort sehen, dass es keinen Negativeintrag gibt. Deine Bankkarte und Deine Kreditkarte sind gesperrt. Du hast leider kein Bargeld, wahrscheinlich würdest Du auch niemanden finden, der es Dir abnehmen kann. Du kannst im Supermarkt kein Katzenfutter kaufen und der Bäcker an der Ecke verkauft die Brötchen auch bargeldlos.

Wenn in unserer Welt Recht und Gesetz gelten würden, da gebe ich Dir Recht, dann wäre das ein vorübergehender Zustand und ein oder zwei Wochen, bis die Ungerechtigkeit beseitigt ist, würdest Du schon durchhalten.   Aber es ist nicht nur Deine Bank, die so uneingeschränkte Macht über Dich erlangt, es ist jede Bank! Es ist der Staat, der angeblich das Bankgeheimnis garantiert und schützt, es ist Deine Firma, die sich, wie jeder Interessierte, nach Deinen Finanzen erkundigen kann.

Mit etwas Bargeld in der Hand ist man etwas unabhängiger. Auf dem Bargeld steht nicht schon Dein Name. Du bleibst anonym. Jedermann, der Dir etwas verkauft, kann auch anonym bleiben (denken wir nur mal an deine Putzfrau, die nur durch Schwarzarbeit über die Runden kommt). Natürlich kann auch hier der Staat zugreifen. Er macht mal eben eine Währungsunion oder hebt die Zinsen an. Aber es ist doch kein direkter Zugriff auf Dich persönlich und es ist für den Staat und die anderen Akteure auch schwieriger, mit einigen technischen Hürden verbunden.

Will ich den Komfort des bargeldlosen Zahlens? So wie in China? Ja, ich will es. Weil es bequem ist. Was ich nicht will, und nur davor habe ich diesen Horror, alle Macht über mein Leben aus der Hand geben und mich vollkommen der Bank oder dem Staat ausliefern, was letztendlich auf dasselbe hinauslauft.

Lieber Freund, ich musste das noch einmal loswerden. Es erschreckt mich ein wenig, wenn alle begeistert sind. Auch Menschen wie Du, denen ich mehr zutraue.

Wie wir uns ohne Abschaffung von Privatbank, Privatunternehmen wie die „Schufa“ oder wie wir ohne die Beseitigung der Unterordnung des Staates unter Privat- und Unternehmensinteressen vor dem Horror bewahren, kann ich auch nicht sagen.

Bleib Gesund!

Dein Hans Kleiner

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Coro- Tagebuch Fortsetzung

3. Juni 2020

Die Coronakrise wird den Kapitalismus nicht hinwegfegen.

Im Gegenteil, der Kapitalismus fühlt sich in dieser Krise besonders wohl. Es geht nicht um Jobs, es geht um Einkommen. Es geht nicht um Einkommen, es ums Auskommen!

Wir müssen neue Maßstäbe setzen, die alten taugen nicht mehr. Vielleicht haben sie nie getaugt.

Am Montag ist dieses Mal Feiertag. Brauchen wir nicht blau zu machen. Schon halb zehner sind wir am sonnigen Tag im Wörlitzer Park. Ein Verwandter vom „Alten Dessauer“ hat einen Landschaftspark angelegt, aber schon vor mehr als 222 Jahren. Heute werden Industrieparks angelegt. Auch das ist eine Art der Kultur.

Zwanzig Fahrzeuge auf dem Großparkplatz. Frühaufsteher, wie wir. Entlang des Wassers die Sichtachsen ansehen (in angelegten englischen Parks muss man sich immer die Sichtachsen ansehen, dazu sind sie ja da, sonst würden sie nicht Sichtachsen heißen). Nur Sträucher und Bäume und sichtbare Mauern, Tempel an den Enden der Sichtachsen. Wie absichtlich platziert, so offensichtlich. Die Luft ist so schön frisch, der Himmel so schön blau und das Wasser so schön schlammig. Ist man gar nicht mehr gewohnt. Wasser hat nicht schlammig zu sein. In der PET-Flasche ist es klar, allenfalls sprudelig, aus dem Wasserhahn ist es klar, in der Badewanne ist es so schon durchsichtig grün, im TV ist es so schön blausichtig. Aber nicht schlammig.

Seerosen. Gelbe und später weiße Blüten, die wachsen aber nicht im Badewasser. Es werden mehr Leute, die Luft ist voller Duft. Aber zunehmend Schweiß und es könnte auch schlechter Atem sein, denn sie tragen keine Corona-Vermummung. Die Menschen werden häufiger. Sie überholen uns, sie drängeln auf die Fähre, die uns über das schlammige Wasser trägt, alsbald.

Wir suchen die Begegnung zu vermeiden.

Bald ist das nicht mehr möglich. Die Leute strömen. Der Parkplatz ist ebenso unübersichtlich geworden. Die Leute wollen raus. Sie dürfen nicht fliegen, also fahren sie Auto. Sie fahren in die sonnigen Parks. Welch ein Glück für die Parks. Welch ein Glück für die Leute.  

4.Juni 2020

Der totgeschlagene Floyd hatte Corona. Was sonst. Ist aber doch kein Grund ihn zu Tode zu quälen? Oder doch?

Die Kinderkrippe, der Kindergarten. Er war gewachsen in den letzten Jahren. Immer mehr Kinder. Die doppelte Anzahl der ursprünglich geplanten Kapazität. Wer kann sich da noch kümmern. Beim Durchschnittseinkommen bezahlen die Eltern in unserem Kreis rund 100 Euro pro Kind. Das macht bei rund 40 angemeldeten Kindern also rund 4000 Euro an monatlichem Beitrag. Wenn bei allen Kindern beide Eltern arbeiten gehen und Durchschnittseinkommen erreichen, bekommt die Einrichtung rund 12.000 Euro an Einnahmen im Monat. Davon können rund sechs Betreuer (hier als Berufsstandsammelbezeichnung für betreuende Personen, deshalb „gender“-gerecht) bezahlt werden. Aber das ist nicht die Frage. Betreuung und damit Erziehung und Bildung ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, denn es geht um das Gedeihen und den Bestand der Gesellschaft, und deshalb ist die Frage der Finanzierung zweitrangig, sie muss eben aus gesamtgesellschaftlichen Mitteln ergänzt werden.

Melinda und Bill Gates sollen in der „Corona-Krise“ 15 Milliarden Dollar zusätzlich verdient haben.

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