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Aufbau Ost

Vor einiger Zeit fuhr ich durch eine mir bekannt und vertraute Stadt. An der Stelle, an der früher Häuser aus der Gründerzeit standen, war eine große freie Fläche entstanden. vielleicht war ein Park geplant. Die Häuser hatten die über 80 prozentige Zerstörung in den letzten Tagen des großen Krieges überstanden, die Schäden waren repariert worden und wurden über viele Jahre bewohnt. Die weggerissenen Häuser müssen vor dem Abbruch halbwegs intakt gewesen sein. Sie waren in den letzten zwanzig Jahren saniert worden. Städtische Behörden hatten nach der Aufarbeitung dort Büros, der baldige Abriss war nicht zu vermuten.

Kürzlich fuhr ich wieder durch diese Stadt. Auf der ehemaligen Freifläche wurde gebaut. Die entstehenden Häuser waren fast fertig. Wohnhäuser der gängigen Art. Nicht im Stil der Postmoderne, sondern eher Funktionalismus und Brutalismus. Oder anders: Stinknormale Wohnhäuser wie sie überall „hingeklatscht“ werden, wenn es um schnelle, preiswerte, anspruchslose und ideenlose Wohnbebauung geht.

Womit auch schon das Ziel des Abrisses und der Neubebauung erkannt ist.

Was muss das für eine reiche und ignorante Gesellschaft sein, die nur wegen des Profitwillens Einzelner brauchbare Sachen ( mal abgesehen von der Stadtästhetik) einfach vernichtet, Aufwand betreibt (nicht nur des Einzelnen Profitwilligen), um an gleiche Stelle genau die gleiche Sache, vielleicht sogar mit weniger Gebrauchswert, wieder herzustellen.

Wir machen es täglich. Genau so. Wir vernichten Möbel, Handys, Fahrräder. Selbst mein alter Computer hätte noch einige Zeit zufriedenstellend gearbeitet und die ihm gestellten Aufgaben erfüllt. Stattdessen habe ich jetzt ein System, das mich durch tagtägliche nicht bestellte und nicht gewollte „Updates“ von der Arbeit abhält.

Die Steine des alten Hauses, gebrannt vor über 130 Jahren, tauglich noch, liegen jetzt auf einer Deponie. Wir deponieren alles.

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Der Absturz

Biber langweilte sich. Der Autopilot war an und tat seine Arbeit. Sein Copilot war schon auf dem Taxi-Way eingenickt. Sie standen in der Wartezone mit laufenden Triebwerken, fast eine halbe Stunde lang. Pilot Hans Biber war ein alter Hase. Er selbst hielt durch. Obwohl er auch etwas Schlaf brauchen konnte.

Den Kollegen ließ er jedenfalls erst einmal einfach in Ruhe. Die paar Handgriffe und die Meldungen in der Startposition konnte er selbst tun. Er hatte irgendwie doch Mitleid mit dem Jungen. Und dabei stand dem noch alles bevor. Sie waren am Morgen aus Budapest gekommen, hatten zwei Stunden Pause und mussten dann zum nächsten Flug. Das ist verdammt wenig Zeit für einen Jungen, der eine ganze Nacht Schlaf nachzuholen hat. Die Abfolge der kurzen Flüge waren immer kürzer geworden. Als Hans Biber bei der Gesellschaft anheuerte, da waren sie noch vier Mann im Cockpit. Da wäre das gar nicht aufgefallen, wenn der Navigator schlief. Damals wäre der Junge erst einmal als Navigator mitgeflogen. Schöne alte Zeiten. Jetzt aber gab es keinen Navigator nicht mehr. Dafür den Kollegen Computer. Hans Biber überlegte einen Augenblick, ob der Bordingenieur auch durch den Computer ersetzt wurde. Er fand keine Antwort. Einen Bordingenieur jedenfalls war auch nicht mehr im Flugzeug. dann musste er wohl durch einen Computer ersetzt worden sein.

So ein Bordrechner ist immer fit. Der Junge hatte wohl mit seinen Freunden in Budapest eine Sause gemacht. Sie hatten neun Stunden Pause in Budapest. Er hätte es sein lassen können, aber er hat es getan. Hans Biber verstand das. Er war ja auch mal jung. Trotzdem ärgert er sich natürlich. aber er ließ den Jungen schlafen. Endlich kam die Startfreigabe. Er weckte den Jungen. Der war auch sofort wieder bei sich und alles klappte wie am Schnürchen. Schon nach wenigen Sekunden waren sie in den Wolken.

Allerdings war der Co-Pilot schon wieder eingeschlafen, bevor sie die Reiseflughöhe erreicht hatten. Biber wartete die Reiseflughöhe ab. Der Autopilot lief schon. Biber kontrollierte die Streckeneingabe und die übrigen Anzeigen auf dem Bildschirm. Zuweilen flackerte der linke Bildschirm etwas. Biber hatte das im Mängelbericht angegeben. Es sollte repariert werden, wenn die Maschine wieder auf dem Heimatflughafen Frankfurt sein würde. das war für die nächste Woche geplant. Biber hatte auch in der Wartungsluke in der hinteren Pantry einen Laptop entdeckt, der noch in der Wartungsschnittstelle steckte. Alles nur Kleinigkeiten. Sonst war alles in Ordnung.

Und Fliegen ist ja inzwischen Kinderleicht, dachte er mit einem weiteren Blick auf seinen jungen Copiloten. Hans Biber meldete sich aus dem Luftraum Barcelona ab. erst im Bereich Frankfurt musste er sich wieder bei der Flugsicherung anmelden.

Hans Biber warf noch einmal einen routinierten Blick über die Anzeigen. Alles im „Grünen Bereich“. Er war zufrieden. Er schnallte sich ab, musterte noch einmal seinen schlafenden Copiloten und verließ das Cockpit. die Tür fiel ins Schloss. Er hatte eine halbe Stunde zeit.

Er wollte sich von seiner Freundin verabschieden. Sie sollte es natürlich nicht wissen, es sollte nur ein letztes gemeinsames Zusammensein werden. Er würde sich in Düsseldorf das Leben nehmen, es war beschlossen. Die Abschiedsbriefe waren geschrieben, alles ist durchdacht. Er hatte lange überlegt, wie er es machen wollte, aber er würde einfach vom Dach springen. Ein letzter Flug sozusagen. Zwölf Stockwerke, das waren gut sechs Sekunden Flug. Eine ausreichende Zeit, es zu genießen. Er hatte die Police studiert. Die Gesellschaft zahlte bei Tod. Es war keine Klausel wegen Selbstmord enthalten.

Das Geld würde reichen seine Spielschulden zu bezahlen, den Sohn weiter auf diese unanständig teure Eliteschule zu schicken und dann auf die Uni und auch für die Frau würde es bis zum Lebensende reichen. Sie wird sich nicht mal einschränken brauchen. Aber die monatlichen Beiträge waren ja exorbitant. Da sollte es sich schon lohnen.

Hans Bieber musste warten. Die Flugbegleiter waren noch mit dem Verteilen von Kissen und Getränken beschäftigt. Aber Biber hatte sie schon anfassen können, als er an ihr vorbei in die hintere Bordküche ging. Sie würde kommen, sobald sie sich freimachen konnte. Die anderen Steward würden sich nach vorne verziehen. Sie kannten das.

Biber war langweilig. Er sah sich in der Küche um. Ein Fach war nicht richtig geschlossen. Es klapperte. Dann sah er auf die geschlossenen Wartungsluke. Ihm kam ein Gedanke. Ein spitzbübisches Lächeln huschte über sein Gesicht. Er öffnete die Luke.  Dann stellte er das Bordwartungsterminal auf den Modus Wartung. Er gab auf der Konsole eine Spritmenge von 12000 Gallonen mehr an, als sie wirklich an Board nehmen konnten. Dabei hatten sie nur halb getankt in Barcelona. Das würde für den Weg nach Düsseldorf reichen und für ein oder zwei Warteschleifen, wenn es sein musste. Gewicht kostet Geld und das war ja nicht notwendig. da verstand er die Gesellschaft. Und die Umwelt schonte es auch, und die Anwohner, wenn das überschüssige Kerosin nicht auf die Felder und die Häuser abrieselte.

Die geänderte Spritmenge musste jetzt ein Lämpchen im Cockpit aufleuchten lassen. in wenigen Sekunden würd ein schriller Alarm in der Kabine und in den Kopfhörern seines Copiloten tönen. Dann würde der Bursche endlich aufwachen und seine Arbeit tun. Feiern hin oder her. Er hatte seine verdammte Arbeit zu tun.

Hans Biber wartete auf den Anruf seines Kollegen, der jetzt sicher in Aufregung sein musste. Der musste ihn jetzt ins Cockpit rufen. So die Vorschrift. Biber würde ihn beruhigen, die richtige Spritmenge wieder einstellen und nachher hätten sie ein wenig zu lachen über den Streich.

Der Anruf kam nicht. Biber ärgerte sich. Der musste einen verdammt tiefen Schlaf haben. Inzwischen musste doch das gesamten Instrumentenarsenal rot aufschreien.

Biber beschloss nach vorne zu gehen. Er stellte auf der Konsole die richtige Spritmenge wieder ein. Sicherheitshalber kontrollierte er noch einmal die vorhandene Spritmenge, bevor er die richtige wieder einstellte. Aber die Anzeige musste einen Fehler haben. Sie zeigte nur einen winzigen realen Rest an, der kaum für eine halbe Stunde Flug reichen würde. Aber vorne in der Kanzel war doch die richtige Menge angezeigt? Biber rief noch einmal die Daten der Sensoren ab. An deren Aussage  änderte sich nichts. Biber überlegte, ob er den Tankwagen auf dem Rollfeld gesehen hatte. Er konnte sich nicht erinnern, denn er war im letzten Augenblick zum Flugzeug gekommen und sein übermüdeter Copilot hatte ihm gemeldet, das die Vorbereitungen abgeschlossen waren.

Die Instrumente in der Kanzel zeigten allerdings die erwarteten Werte, wäre es anders gewesen, dann wäre es Biber aufgefallen. Doch halt, er stutzte, soweit er sich erinnern konnte zeigten sie den VOLLEN Tankstand an, nicht die halbe Tankmenge, die sie ja hätten anzeigen müssen, und die Maschine war auch einige Sekunden früher abgehoben, als er es erwartet hatte. Er hatte es auf den Gegenwind geschoben und es vergessen. Biber machte die Luke zu und eilte nach vorne in Richtung Cockpit. Auf dem Wege streifte er seine Stewardess. Sie lächelten sich an.

Hauptmann Freeser sah den Strich auf dem Monitor. Das war sein Übungsziel. Eine Zivilmaschine. Sie ist jetzt knapp 5 Kilometer vor ihm und etwas seitlich unten. Es war die ideale Position, um nicht bemerkt zu werden. Er gab die 270 ein. Noch ein „C“ für „Korrektur“, Ein „A“ für „Altitude“  und ENTER und die Maschine würde jetzt ihren Kurs ändern. Die Piloten würden es nicht einmal bemerken. Die Maschine würde sich unmerklich in eine Linkskurve legen und ihren ferngesteuerten Kurs fliegen. Aber es tat sich nichts. Irgendwas hatte er vergessen. Er hatte seit einem Jahr nicht mehr an der Konsole gesessen. Er suchte das Handbuch. Dass ihm das passieren musste. Er fand kein Handbuch. Er versuchte sich zu erinnern. Ein Buchstabe fehlte für die Vervollständigung des Befehls.

Biber klopfte an die Tür. Nichts rührte sich. Er klopfte lauter. Er hätte jetzt den Code eingeben müssen, um die Tür zu öffnen. Aber der Zettel mit dem Code ist in seiner Jacke und die hängt in der Kabine.

Er blickt sich um die erste Stewardess zu suchen. Sie ist nicht zu sehen. Biber geht wieder nach hinten zur Küche. Seine Freundin fällt über ihn her, sobald er durch den Vorhang ist. Er kann sie abwehren. Sie ist beleidigt, weil er sie mit beiden Armen von sich hält.

Hauptmann Freeser winkte dem Operater-Unteroffizier, herüberzukommen. Da leuchtete aber über seiner Konsole das Rote Lämpchen. Er winkte ab. Die Operation musste unterbrochen werden. Über den Kopfhörer gab der Pilot den Grund der Unterbrechung durch. Die Sensoren für die Höhenmessung waren vereist. Er hatte die Computer ausschalten müssen und flog jetzt mit Handsteuerung. In solchen Situationen, so sagte es die Vorschrift, waren Fernsteuermissionen von Zivilmaschinen verboten. Wegen der Sicherheit.

Biber hatte inzwischen seiner Freundin erklärt, dass er den Türcode brauchte, um in die Kabine zu kommen. Die Freundin lachte ihn, immer noch beleidigt, aus, fing aber an nach dem Code zu suchen. Durch das Kabinenfenstern sah Biber draußen die Wolken aufreißen. Fetzen fliegen vorüber. Die Berge wurden erkennbar. Es ist ein trüber Tag über den Alpen. Da schoss die Erkenntnis wie ein Blitz durch seinen Kopf. Sie waren viel zu tief. Er ließ die Freundin stehen. Sie hatte den Code noch nicht gefunden. Er hastete nach vorne zur Cockpittür. Er hämmerte dagegen. Endlich rührte sich etwas hinter der Tür.

Hauptmann Freeser sah noch einmal auf seinen Monitor. Eben war ihm eingefallen, dass er bei Richtungsänderung ein „D“ für „Direktion“ hätte eingeben müssen, statt des „A“. „A“ stand für die Höhe. Aber die Operation war ja abgebrochen worden. Das Zeichen für das Radarecho der Zivilmaschine am oberen Rand seines Bildschirm verlosch gerade.

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Ausländer in Berlin

Eine Studie über Ausländerfeindlichkeit in Deutschland, wie es wohl jedes Jahr mehrere gibt. Wie schon so oft wird die besonders hohe Ausländerfeindlichkeit der Ostdeutschen hervorgehoben.

 Eine ruhige Berliner Straße im Jahre 2000.  Sie ist nicht sehr breit, wird flankiert von Lindenbäumen im frühlingshaften Pastell-Grün, gegenüber im zweiten Stock zieht eine türkische Familie ein.

Die Straße liegt im Osten der Stadt, in der ehemaligen Hauptstadt der DDR.

Bis dahin gab es in dieser Straße zwar auch Bewohner aus den verschiedensten Nationen: Ungarn und Argentinier,  Russen und Kongolesen, Kubaner und Vietnamesen, aber eben keine Türken. Kurdische Türken übrigens, die schon in der zweiten Generation in Berlin wohnen. Nie war jemand belästigt worden. Ausländerfeindlichkeit? Nein, man wohnte Tür an Tür und lud sich auch mal zum Essen ein.

Der Einzug wird irgendwie von allen Eingesessenen beobachtet. Es ist auch nicht zu übersehen. Der Einzug geht lautstark vor sich, das ist schon entgegen den sonstigen Gewohnheiten der Bewohner, die es eher ruhig lieben. Dann wird Bürgersteig und ein Teil der Straße über Gebühr lange durch ausrangierte Möbel blockiert. Auch das ist besonders, weil sonst jeder bemüht ist, den normalen Verkehr und das normale Verhalten der Bewohner möglichst wenig zu stören.

Dann, als sich um den Einzug herum alles wieder halbwegs beruhigt hat, sieht man zwei Frauen, die eine vermummt bis unter die Nasenspitze und die andere mit buntem, aber eng gebundenem Kopftuch, täglich, sofern das Wetter es zulässt, mehrere Stunden die Straße hinunter und wieder hinauf laufen. Jede von ihnen schiebt einen Kinderwagen. Begleitet werden sie oft von zwei Jungen im Vorschulalter.

Das wäre nicht unbedingt anstößig, weil auch mehrere Frauen, die schon länger in dieser Straße wohnen, Kinder haben, auch kleine, und es gibt auch welche, die ihre Arbeit verloren haben in den letzten Jahren und ebenso Zeit hätten, die Straße herauf und herunter zu laufen.

Anstößig ist nur, dass die beiden Frauen sich als Herrinnen der Straße fühlen, jedenfalls kommt es den vorbeihastenden Bewohnern so vor. Die beiden Frauen schieben gemächlich, weil sie ja Zeit haben,  nebeneinandergehend ihre Wägen  vor sich her. Sie bemühen sich erst gar nicht, auch an den engen Stellen nicht, Platz zu machen für Entgegenkommende oder Überholende. Sie blockieren mit ihren Wagen den Bürgersteig vor dem Gemüsehändler, sie stehen auch mal mitten auf der Straße und schwatzen.

Und auf dem Spielplatz kümmern sie sich nicht um ihre anderen Halbwüchsigen,  die durch den Sandkasten peitschen, sich mit Sand und auch Steinen bewerfen und dabei die spielenden Kleinkinder anderer Mütter beschmutzen und gefährden.

So etwas war den Bewohnern der Straße und auch den meisten der täglich durchlaufenden oder durchfahrenden Passanten unbekannt. Sie hatten gelernt, auf den anderen Rücksicht zu nehmen, den Nachbarn möglichst wenig zu belästigen und erwarteten die gleiche Auffassung auch vom Nachbarn. Die Türkinnen sind bald alleine mit ihrem Nachwuchs auf dem Spielplatz, wann immer sie dahin kommen.

 Ende September war es, da fuhr ein oben offenes Auto durch die Straße. Vier Männer saßen darin. Sie hatten dunkles Haar und ihre Haut war um einen Hauch dunkler als in Nordeuropa üblich und auch nach Haartracht und Bartwuchs, wie Kleidung und Gebaren war auf türkische oder mindestens südeuropäische Herkunft zu schließen. Die laute Musik, die aus dem Auto zu hören war, unterstützte den Eindruck.  Mehrere Bewohner der Straße, aber auch zufällige Passanten haben die Szene beobachtet.

Das Auto stoppte. Ein junger Mann stand aufrecht im Auto. Mit einer Pistole zielte er sorgfältig auf eine Schaufensterscheibe und schoss er am hellerlichten Tage darauf. Die Scheibe bekam ziemlich mittig ein Loch und strahlenförmige Risse gingen vom Loch aus. Beim zweiten Schuss zerriss die Scheibe vollständig und die Bruchstücke fielen aus dem Rahmen. Der Mann ließ sich wieder auf seinen Sitz fallen und das Auto wurde unaufgeregt wieder in Gang gesetzt und verschwand am Ende der Straße.

Ziel der Attacke war ein Video- und Musikverleih, der kurz zuvor dort eingezogen war. Der freundliche türkischstämmige Berliner kam aus dem Westen der Stadt. Die Bewohner besuchten den Laden schon lebhaft, jedenfalls bevor die Scheibe zu Bruch ging.

 Was, wenn einem Bewohner der Straße die Frage nach seiner Meinung zu Ausländern gestellt wird? Diesem jedenfalls wird, ob er will oder nicht, ob er Bild-Leser ist oder nicht, ob er auf Grund seiner Bildung und Erziehung, eine sonst eher liberale Auffassung vertritt, sofort die Invasion der Türken in seiner Straße einfallen. Die Antwort wird in jedem Falle als Ausländerfeindlichkeit gedeutet. 

Dabei ist es nicht ausländische Kultur, die aus dem Westen der Stadt auf diese friedliche Straße gekommen ist, sondern es ist westliche Kultur, oder besser: Unkultur, die auf den unvorbereiteten Ostgermanen kommt.

Dem nicht direkt mit der neuen Wirklichkeit Konfrontierten in einer Berliner Straße reicht ein Blick in die Bildzeitung für den Kulturschock oder auch die Berichterstattung auf den öffentlichen Fernsehkanälen oder ein Studium der Bücher eines gewissen Sarrazin für die Meinungsbildung.

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Fräulein vom Amt

Angenommen wir wären im Jahre 1950. Ich will eine SMS in die USA versenden.(Telefonhörer abheben, in den Hörer Lauschen, das Tuten in der Leitung hören: Tuut, Tuut, Tuut…) Ich drehe die Wählscheibe an unserem Telefon (Finger in das Fingerloch stecken, die Drehscheibe bis an den Haltebügel drehen, das Ganze mit der nächsten Ziffer wiederholen.) „Schnarrrrrr, Schnarr, schnarrrrrrr, schnarr, schnarr. ) – Das Amt. Eine freundliche Mädchenstimme meldet sich: „Hier ist das Amt, Sie wünschen?“

„Ja, ich möchte eine SMS versenden“

„Natürlich mein Herr, zu welcher Nummer?“

Ich geben die Nummer an.

„Ich habe notiert“ –  Das Fräulein am anderen Ende wiederholt preußisch genau die angegeben Nummer.

„Ihre Nachricht ? Bitte denken Sie daran, nur 20 Zeichen!“

Ich überlege kurz, denn ich muss mich auf das wesentliche beschränken.

Ich notiere mir die Nachricht, die ich versende möchte vorsichtshalber: „Das Fruestuecksei war gut.“

„Bitte warten sie einen Augenblick, bis ich eine freie Leitung habe.“

Wir warten. Ich stelle mir vor, wie das Fräulein derweil auf ihren Klappenschrank schaut. Sie streicht ihr rotblondes Haar aus der Stirn. Die Lichter blinken, die Lampen über den ausländischen Leitungen sind alle rot. Sie kramt nach ihrem Lippenstift.

„Bitte warten Sie noch“, spricht sie zu mir in die Leitung. Ich warte. Sie zieht die vollen Lippen mit dem Stift nach. Endlich hat sie eine Grüne Lampe.

„Ich habe jetzt eine freie Leitung. Ihre Nachricht kann nach Übersee versendet werden.“ 

Das Fräulein steckt ihre Strippen in die entsprechenden Buchsen. Sie spricht in die Muschel: „Jetzt kommt eine SMS für Sie.“, dann spricht sie zu mir: „Sie können jetzt Ihre Nachricht durchgeben.“

Ich drehe an der Wählscheibe. „Schnarrrrr“ Das Fräulein meldet sich: „Möchten Sie ein ‚D‘, ein ‚E‘ oder ein ‚F‘ senden. Ich bestätige ihr das ‚D‘. Dann der nächste Buchstabe: „Schnarr“, wieder das Fräulein vom Amt: „Ich nehme an, es soll ein ‚A‘ sein? Ich bestätige das ‚a‘. Dieses Spiel wiederholen wir einige Male. Plötzlich unerwartet zwischendurch die freundliche Stimme: „Entschuldigen Sie, mein Herr, aber die Leitung wurde unterbrochen. Ich versuche sofort eine neue Leitung zu bekommen. Bitte warte Sie.“ Ich warte. Da kann man nichts machen. Die Leitungen nach Übersee sind immer überlastet. Aber es dauert nicht lange bis sich die junge Stimme wieder meldet. Wir beginnen von vorne. Beim  ‚R‘ unterbricht mich die freundliche Frau:  „Entschuldigen Sie mein Herr, aber es waren schon zwanzig Zeichen. Die SMS ist beendet. Ihre Nachricht wurde übermittelt. Ich wünsche Ihnen einen Guten Tag.“

Dann ist die Stimme  weg. In der Leitung nur das „tut, tut, tut.“

Ich überlege, was der Empfänger nun mit der verstümmelten Nachricht anfangen wird, ob ich, damit er ruhig und in Gewissheit weiterleben kann, eine neue SMS senden sollte, mit einem kürzerem, aber vollständigem Text: „Frueei gut!“

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Dialog am Kaffee-Automaten

Er: Ich verstehe das nicht. Man muss doch was tun!

Der andere:  Für oder gegen was muss man was tun?

Er: Na  gegen ESM, gegen den Krieg, gegen die Desinformation.

Der andere: Also für bessere information?

Er: Ich will zur Demo nach Stuttgart. Man muss doch was tun, ich meine die Leute müssen aufgerüttelt werden. Die die die Informationen haben, die müssen sie verbreiten, müssen dafür sorgen, dass die Leute, auch die uninformiertesten begreifen, dass es so nicht weitergehen kann und das Ganze in einen Kollaps hineinsteuert.

Der andere: Das Finanzsystem?

Er: Genau. Mit dieser ganzen Politik!

Der andere:  Recht hat er.

Aber was nutzt es?

Werden die Leute dann, die jetzt Informierten, anfangen alle auf die Straße zu gehen und das Ende der Diktatur des Kapitals fordern, werden sie die direkte Demokratie fordern?

Wollen sie auf die Straße gehen, um die Volkabstimmung zu allen wichtigen politischen Fragen herbeizudemonstireren?

Er: Ja, das ist das Ziel, alle müssen auf die Straße, alle müssen demonstrieren.

Der andere:  Und wenn das nichts hilft? Notfalls auch streiken?

Er: Na klar, notfalls auch streiken!

Der andere: Und willst du dann auch dafür streiken für dass die Parteien wieder für das Volk arbeiten und die Politiker?

Er: Ja, natürlich!

Der andere: Schön, aber in Deutschland gibt es keinen politischen streik. Der ist per Gesetz abgeschafft worden.

Er: Dann  muss dafür gestreikt werden, und demonstriert werden, dass er wieder eingeführt wird, der politische Streik.

Der andere:  Und wenn sie dann streiken, wenn denn alle einsehen, dass es so nicht weitergeht, dass endlich richtige Demokratie gemacht werden muss, mit dem Volk und für das Volk, was dann?

 

Er: Na, dann müssen sich die Politiker bewegen!

Der andere: Und das werden sie ganz sicher tun und die Aktionäre werden entsprechend der Grundsätze, die in Grundgesetz und Bibel geschrieben stehen: „ Eigentum verpflichtet“, etwas abgeben von dem ihren und das Volk mit bestimmen lassen!?

Er: Ja, wir müssen sie dahin bringen.

Der andere: Wer wir?

Er: Die Politik und das Volk auf der Straße.

Der andere: Und du meinst, die gut davon lebenden Politiker und die Handlanger in den Konzernzentralen und die Aktionäre werden dann mehr oder weniger freiwillig etwas von dem Ihren abgeben?

Er: Wir müssen sie dazu zwingen!

Der andere: Also willst du die Revolution!

Er: Nein, wieso, Revolution, das ist Chaos, das ist Unordnung, das kann sogar Tote geben!

Der andere: Also bist du gegen Revolution?

Er: Ja, ich bin gegen Chaos! Ich will keine Gewalt!

Der andere: Siehst du, die meisten Leute sind gegen Chaos, gegen Gewalt sowieso. Sie sind gegen Revolution, sie halten den Rand, laufen nicht auf Demonstrationen sondern begnügen sich mit dem Teil des Brotes, der von den Aktionären und den Politikern abgekrümelt wird und halten schön die Füße still. Revolution, nur das kann die Aktionäre und die Vorstände und die Handlanger, die Machtgierigen und Geldgierigen umstimmen. Freiwillig geben die nichts ab, außer Krümeln. Nur mit Gewalt ist ihnen beizukommen. Und Gewalt will keiner. Revolution wollen wir auch nicht, weil Gewalt und Chaos.

Deswegen, du kannst zu Hause bleiben. Demo ist sinnlos. Wenn man etwas nicht bis zum konsequenten Ende führen will, dann soll man die Finger davon lassen. Es ist verschenkte Zeit. Kann natürlich sein, du willst dich ein wenig abreagieren, deine Wut aus dem Bauch lassen, dann kannst du aber auch zum Fußball gehen, gar Hooligan werden. Oder du schließt dich einem Boxverein an oder so.

Er: Ich habe aber ein Bahncard. Ich kann praktisch umsonst dahin fahren.

Der andere: Das ist natürlich was anderes. Dann solltest du fahren.

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