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Oktober

Der erste Herbststurm ist durch. Es gab Tote. Die Stämme der Bäume, die die Straßen blockierten sind teilweise zersägt, aber wenigstens von der Fahrbahn geräumt. Frei Fahrt für freie Bürger. Unvorstellbar, wenn die Straßen für mehrere Tage unpassierbar blieben für die Berufspendler, die Einkäufer und die Konzertbesucher. Unvorstellbar für unsereins.

Die stehengebliebenen Bäume färben ihr Laub recht unterschiedlich. Die Nadelbäume bleiben vollkommen unberührt von der sich ändernden Stimmung. Goldener Herbst. In Nordamerika würde man „indian summer“ dazu sagen. Aber wir sind in Deutschland. Da sind wir selbst die „natives“. Da haben wir ein „Jobwunder“. Niemand bleibt stehen und sieht sich die bunten Blätter an. Keine Zeit.

Irgendwann im Oktober schoss der Panzerkreuzer „Aurora“ eine Platzpatrone in den Himmel von Petrograd. Das Signal zum Sturm der „Roten Garden“ auf das „Winterpalais“, in dem Provisorische Regierung Russlands ihren Sitz hatte. Ein Nebenschauplatz der Geschichte. Eine Kriegsgeburt, dieser Beginn einer neuartigen Diktatur, der „Diktatur des Proletariats“. Aber das Geschwür im Leib des Kapitalismus wuchs. Ein Tumor, der abgetötet werden konnte. Nicht zuletzt, weil aus der „Diktatur des Proletariats“ eine Diktatur ohne das Proletariat wurde.

Die Erinnerung aber, die Erinnerung an die Hoffnungen, die sich auch teilweise erfüllten, die bleibt und sie wird sich in den folgenden Generationen erhalten. Die Hoffnungen auf Gerechtigkeit, auf Menschenwürde, auf Brüderlichkeit und bewusster Zukunftsgestaltung für die Menschheit hat einen herben Schlag erhalten. Der Keim aber ist gelegt. Ein erster Versuch ist unternommen worden. Noch gibt es kein Schlussbild.

Es ist nicht mehr lang hin. Die Bäume werden auch ihre allerschönsten Blätter abgeworfen haben. Kahlheit. Aus Melancholie wird tropfende Traurigkeit. Die märkischen Kiefern behalten standhaft ihre Nadeln, die grünen. Die Fichten und Blautannen müssen zu abertausenden in die Wohnzimmer. Wegen der Hoffnung. Und wegen der Tradition. Und weil ohne dem das Weihnachtsgeschäft nicht läuft.

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Sommernacht in der Stadt

Quirlig bis spät in die Nacht. Hochsommer. Der Hotelgast holt seinen Schlüssel aus dem Kästchen. Die Rezeption ist nicht mehr besetzt. Der Besitzer legt vermutlich Wert auf seine Freizeit. Vielleicht hat er einen Garten vor der Stadt und sitzt unter dem Schatten des Pflaumenbaumes geschützt vor der immer noch brennenden Sonne.

Im Foyer ist es still. Der Lärm der Straße ist da draußen. Abgeschnitten durch das Zuklappen der Tür. Erstes Aufatmen. Der Gast fährt mit dem Fahrstuhl in den dritten Stock. Im Augenblick beherrscht ihn der einzige Wunsch, die klebenden Textilien vom Körper zu bekommen und seine Glieder unbelastet auszustrecken. Er schließt die Tür auf. Der Raum ist muffig. Es ist noch heißer als draußen. Er stellt den Koffer auf die Pritsche und reißt die Fenster auf.  Da ist sie wieder, die Stadt.

Er hat den Blick auf beide Straßen einer Kreuzung, denn er hat das Eckzimmer. Ordentlich sind die Streifen für die Verkehrsführung aufgemalt. Pfeile kennzeichnen die Fahrtrichtungen. Die Fahrradwege sind farblich abgesetzt. Auf den Streifen, die die Fußgänger für die Überquerung der Straße nutzen sollen, sind die Farbstreifen unterbrochen. Die Haltelinien werfen grell das Sonnenlicht in die Hotelfenster. Stockt der Verkehr in die eine Richtung, verebbt der Lärm für einen winzigen Augenblick. Dann setzt sich der Strom in der querverlaufenden Richtung fort. Der Hotelgast betrachtet für einen Augenblick das Geordnete aus dem einen Fenster, dann aus dem anderen.

Der Gast schaut sich im Zimmer um. Irgendwie muss die Hitze besiegt werden. Ein Ventilator steht auf dem Tisch. Er schaltet ihn ein. Ratsch, ratsch, schneller werdend setzen sich die Flügel in Bewegung. Der Gast öffnet die Knöpfe des Hemdes. Er streift den klammen Stoff vom Körper. Auch die Hose fällt. Er begibt sich in das Bad, wartet bis das Wasser der Dusche lauwarm ist und stellt sich darunter. Im Bad ist nur noch das Geräusch laufenden Wassers. Hier möchte er bleiben. Aber er ist müde. Er möchte sich hinlegen, schlafen. Die Hitze, die lange konzentrierte Autofahrt, die hinter ihm liegt, der Körper braucht Ruhe.  

Der Gast verlässt das Bad. Da ist sie wieder, die Stadt. Aber die vom Ventilator bewegte Luft kühlt wohltuend die Haut. Er bleibt in dem Strom stehen. Er wirft sich auf das Bett. Streckt sich aus. Ein neues Geräusch dringt an ihn. Rauschen, bullern, Quietschen. Ein Güterzug rattert über die nahen Gleise. Zuerst war es nur ein Nebengeräusch im Straßenverkehr, dann überstimmt es ihn aber, es ebbt wieder ab und der Hotelgast hört nur noch die anfahrenden Autos, die knatternden Mopeds und den keuchenden Bus unter dem Fenster.

Der Hotelgast schließt die Fenster. Ruhe. Nur noch das Ratsch, Ratsch des Ventilators. Der Gast liegt ausgestreckt auf dem Bett. Ab und an kann er das Rattern eines Güterzuges hören. Das Duschwasser ist abgetrocknet. Durch die Poren schiebt der Körper schon wieder Schweiß nach außen. Der Gast lässt es geschehen, was soll er auch tun. Ratsch, ratsch, schiebt der Ventilator ab und an einen kühlenden Hauch über die Haut.

Der Schlaf kommt. Der Gast wehrt sich nicht. Der Traum kommt. Ein brüllender Riese, bunt, wirft eine dunkle Glocke über ihn. Lava strömt um ihn herum. Sie verbrennt ihn nicht. Dann wächst dem Riesen ein neuer Arm. Mit diesem zerschlägt er, ratsch, ratsch, die Glocke und die Lava. Dann beginnt alles von vorn. Er wacht auf.

Die Haut zieht das Laken mit, als er sich erhebt. Er geht den Schritt zum dem einen Fenster. Er öffnet es. Die Stadt. Da ist sie wieder. Aber es ist kühler geworden. Er öffnet das Fenster weit. Er schaltet den Ventilator ab und öffnet auch das andere Fenster. Die Straße ist inzwischen künstlich beleuchtet. Immer noch lösen sich knatternde Mopeds von der Haltelinie, wenn sie es dürfen. Immer noch ziehen Autos und Radfahrer auf den Spuren entlang. Immer noch liegt die Luft schwer über der Kreuzung. Etwas ist anders. Bei einigen Autos sind die Scheiben heruntergelassen. Laut bullert die Musik daraus. Fremdländisches, türkisch oder arabisch, englisch oder auch ein afrikanisch anmutender Sound ist dabei.

Der Hotelgast rückt einen Stuhl in den Zug zwischen den beiden Fenstern. Er schaltet den Fernseher an. Den Ton stellt er ab. Dann setzt er sich auf den Stuhl. Bis er die Kirche neben dem Hotel Viertel nach Zwei schlagen hört, betrachtet er die Bilder auf dem Bildschirm. Dann ist die Stadt leise geworden. Dann geht er wieder auf das schon durchschwitzte Laken und schläft ein.

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Aufbau Ost

Vor einiger Zeit fuhr ich durch eine mir bekannt und vertraute Stadt. An der Stelle, an der früher Häuser aus der Gründerzeit standen, war eine große freie Fläche entstanden. vielleicht war ein Park geplant. Die Häuser hatten die über 80 prozentige Zerstörung in den letzten Tagen des großen Krieges überstanden, die Schäden waren repariert worden und wurden über viele Jahre bewohnt. Die weggerissenen Häuser müssen vor dem Abbruch halbwegs intakt gewesen sein. Sie waren in den letzten zwanzig Jahren saniert worden. Städtische Behörden hatten nach der Aufarbeitung dort Büros, der baldige Abriss war nicht zu vermuten.

Kürzlich fuhr ich wieder durch diese Stadt. Auf der ehemaligen Freifläche wurde gebaut. Die entstehenden Häuser waren fast fertig. Wohnhäuser der gängigen Art. Nicht im Stil der Postmoderne, sondern eher Funktionalismus und Brutalismus. Oder anders: Stinknormale Wohnhäuser wie sie überall „hingeklatscht“ werden, wenn es um schnelle, preiswerte, anspruchslose und ideenlose Wohnbebauung geht.

Womit auch schon das Ziel des Abrisses und der Neubebauung erkannt ist.

Was muss das für eine reiche und ignorante Gesellschaft sein, die nur wegen des Profitwillens Einzelner brauchbare Sachen ( mal abgesehen von der Stadtästhetik) einfach vernichtet, Aufwand betreibt (nicht nur des Einzelnen Profitwilligen), um an gleiche Stelle genau die gleiche Sache, vielleicht sogar mit weniger Gebrauchswert, wieder herzustellen.

Wir machen es täglich. Genau so. Wir vernichten Möbel, Handys, Fahrräder. Selbst mein alter Computer hätte noch einige Zeit zufriedenstellend gearbeitet und die ihm gestellten Aufgaben erfüllt. Stattdessen habe ich jetzt ein System, das mich durch tagtägliche nicht bestellte und nicht gewollte „Updates“ von der Arbeit abhält.

Die Steine des alten Hauses, gebrannt vor über 130 Jahren, tauglich noch, liegen jetzt auf einer Deponie. Wir deponieren alles.

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Der Absturz

Biber langweilte sich. Der Autopilot war an und tat seine Arbeit. Sein Copilot war schon auf dem Taxi-Way eingenickt. Sie standen in der Wartezone mit laufenden Triebwerken, fast eine halbe Stunde lang. Pilot Hans Biber war ein alter Hase. Er selbst hielt durch. Obwohl er auch etwas Schlaf brauchen konnte.

Den Kollegen ließ er jedenfalls erst einmal einfach in Ruhe. Die paar Handgriffe und die Meldungen in der Startposition konnte er selbst tun. Er hatte irgendwie doch Mitleid mit dem Jungen. Und dabei stand dem noch alles bevor. Sie waren am Morgen aus Budapest gekommen, hatten zwei Stunden Pause und mussten dann zum nächsten Flug. Das ist verdammt wenig Zeit für einen Jungen, der eine ganze Nacht Schlaf nachzuholen hat. Die Abfolge der kurzen Flüge waren immer kürzer geworden. Als Hans Biber bei der Gesellschaft anheuerte, da waren sie noch vier Mann im Cockpit. Da wäre das gar nicht aufgefallen, wenn der Navigator schlief. Damals wäre der Junge erst einmal als Navigator mitgeflogen. Schöne alte Zeiten. Jetzt aber gab es keinen Navigator nicht mehr. Dafür den Kollegen Computer. Hans Biber überlegte einen Augenblick, ob der Bordingenieur auch durch den Computer ersetzt wurde. Er fand keine Antwort. Einen Bordingenieur jedenfalls war auch nicht mehr im Flugzeug. dann musste er wohl durch einen Computer ersetzt worden sein.

So ein Bordrechner ist immer fit. Der Junge hatte wohl mit seinen Freunden in Budapest eine Sause gemacht. Sie hatten neun Stunden Pause in Budapest. Er hätte es sein lassen können, aber er hat es getan. Hans Biber verstand das. Er war ja auch mal jung. Trotzdem ärgert er sich natürlich. aber er ließ den Jungen schlafen. Endlich kam die Startfreigabe. Er weckte den Jungen. Der war auch sofort wieder bei sich und alles klappte wie am Schnürchen. Schon nach wenigen Sekunden waren sie in den Wolken.

Allerdings war der Co-Pilot schon wieder eingeschlafen, bevor sie die Reiseflughöhe erreicht hatten. Biber wartete die Reiseflughöhe ab. Der Autopilot lief schon. Biber kontrollierte die Streckeneingabe und die übrigen Anzeigen auf dem Bildschirm. Zuweilen flackerte der linke Bildschirm etwas. Biber hatte das im Mängelbericht angegeben. Es sollte repariert werden, wenn die Maschine wieder auf dem Heimatflughafen Frankfurt sein würde. das war für die nächste Woche geplant. Biber hatte auch in der Wartungsluke in der hinteren Pantry einen Laptop entdeckt, der noch in der Wartungsschnittstelle steckte. Alles nur Kleinigkeiten. Sonst war alles in Ordnung.

Und Fliegen ist ja inzwischen Kinderleicht, dachte er mit einem weiteren Blick auf seinen jungen Copiloten. Hans Biber meldete sich aus dem Luftraum Barcelona ab. erst im Bereich Frankfurt musste er sich wieder bei der Flugsicherung anmelden.

Hans Biber warf noch einmal einen routinierten Blick über die Anzeigen. Alles im „Grünen Bereich“. Er war zufrieden. Er schnallte sich ab, musterte noch einmal seinen schlafenden Copiloten und verließ das Cockpit. die Tür fiel ins Schloss. Er hatte eine halbe Stunde zeit.

Er wollte sich von seiner Freundin verabschieden. Sie sollte es natürlich nicht wissen, es sollte nur ein letztes gemeinsames Zusammensein werden. Er würde sich in Düsseldorf das Leben nehmen, es war beschlossen. Die Abschiedsbriefe waren geschrieben, alles ist durchdacht. Er hatte lange überlegt, wie er es machen wollte, aber er würde einfach vom Dach springen. Ein letzter Flug sozusagen. Zwölf Stockwerke, das waren gut sechs Sekunden Flug. Eine ausreichende Zeit, es zu genießen. Er hatte die Police studiert. Die Gesellschaft zahlte bei Tod. Es war keine Klausel wegen Selbstmord enthalten.

Das Geld würde reichen seine Spielschulden zu bezahlen, den Sohn weiter auf diese unanständig teure Eliteschule zu schicken und dann auf die Uni und auch für die Frau würde es bis zum Lebensende reichen. Sie wird sich nicht mal einschränken brauchen. Aber die monatlichen Beiträge waren ja exorbitant. Da sollte es sich schon lohnen.

Hans Bieber musste warten. Die Flugbegleiter waren noch mit dem Verteilen von Kissen und Getränken beschäftigt. Aber Biber hatte sie schon anfassen können, als er an ihr vorbei in die hintere Bordküche ging. Sie würde kommen, sobald sie sich freimachen konnte. Die anderen Steward würden sich nach vorne verziehen. Sie kannten das.

Biber war langweilig. Er sah sich in der Küche um. Ein Fach war nicht richtig geschlossen. Es klapperte. Dann sah er auf die geschlossenen Wartungsluke. Ihm kam ein Gedanke. Ein spitzbübisches Lächeln huschte über sein Gesicht. Er öffnete die Luke.  Dann stellte er das Bordwartungsterminal auf den Modus Wartung. Er gab auf der Konsole eine Spritmenge von 12000 Gallonen mehr an, als sie wirklich an Board nehmen konnten. Dabei hatten sie nur halb getankt in Barcelona. Das würde für den Weg nach Düsseldorf reichen und für ein oder zwei Warteschleifen, wenn es sein musste. Gewicht kostet Geld und das war ja nicht notwendig. da verstand er die Gesellschaft. Und die Umwelt schonte es auch, und die Anwohner, wenn das überschüssige Kerosin nicht auf die Felder und die Häuser abrieselte.

Die geänderte Spritmenge musste jetzt ein Lämpchen im Cockpit aufleuchten lassen. in wenigen Sekunden würd ein schriller Alarm in der Kabine und in den Kopfhörern seines Copiloten tönen. Dann würde der Bursche endlich aufwachen und seine Arbeit tun. Feiern hin oder her. Er hatte seine verdammte Arbeit zu tun.

Hans Biber wartete auf den Anruf seines Kollegen, der jetzt sicher in Aufregung sein musste. Der musste ihn jetzt ins Cockpit rufen. So die Vorschrift. Biber würde ihn beruhigen, die richtige Spritmenge wieder einstellen und nachher hätten sie ein wenig zu lachen über den Streich.

Der Anruf kam nicht. Biber ärgerte sich. Der musste einen verdammt tiefen Schlaf haben. Inzwischen musste doch das gesamten Instrumentenarsenal rot aufschreien.

Biber beschloss nach vorne zu gehen. Er stellte auf der Konsole die richtige Spritmenge wieder ein. Sicherheitshalber kontrollierte er noch einmal die vorhandene Spritmenge, bevor er die richtige wieder einstellte. Aber die Anzeige musste einen Fehler haben. Sie zeigte nur einen winzigen realen Rest an, der kaum für eine halbe Stunde Flug reichen würde. Aber vorne in der Kanzel war doch die richtige Menge angezeigt? Biber rief noch einmal die Daten der Sensoren ab. An deren Aussage  änderte sich nichts. Biber überlegte, ob er den Tankwagen auf dem Rollfeld gesehen hatte. Er konnte sich nicht erinnern, denn er war im letzten Augenblick zum Flugzeug gekommen und sein übermüdeter Copilot hatte ihm gemeldet, das die Vorbereitungen abgeschlossen waren.

Die Instrumente in der Kanzel zeigten allerdings die erwarteten Werte, wäre es anders gewesen, dann wäre es Biber aufgefallen. Doch halt, er stutzte, soweit er sich erinnern konnte zeigten sie den VOLLEN Tankstand an, nicht die halbe Tankmenge, die sie ja hätten anzeigen müssen, und die Maschine war auch einige Sekunden früher abgehoben, als er es erwartet hatte. Er hatte es auf den Gegenwind geschoben und es vergessen. Biber machte die Luke zu und eilte nach vorne in Richtung Cockpit. Auf dem Wege streifte er seine Stewardess. Sie lächelten sich an.

Hauptmann Freeser sah den Strich auf dem Monitor. Das war sein Übungsziel. Eine Zivilmaschine. Sie ist jetzt knapp 5 Kilometer vor ihm und etwas seitlich unten. Es war die ideale Position, um nicht bemerkt zu werden. Er gab die 270 ein. Noch ein „C“ für „Korrektur“, Ein „A“ für „Altitude“  und ENTER und die Maschine würde jetzt ihren Kurs ändern. Die Piloten würden es nicht einmal bemerken. Die Maschine würde sich unmerklich in eine Linkskurve legen und ihren ferngesteuerten Kurs fliegen. Aber es tat sich nichts. Irgendwas hatte er vergessen. Er hatte seit einem Jahr nicht mehr an der Konsole gesessen. Er suchte das Handbuch. Dass ihm das passieren musste. Er fand kein Handbuch. Er versuchte sich zu erinnern. Ein Buchstabe fehlte für die Vervollständigung des Befehls.

Biber klopfte an die Tür. Nichts rührte sich. Er klopfte lauter. Er hätte jetzt den Code eingeben müssen, um die Tür zu öffnen. Aber der Zettel mit dem Code ist in seiner Jacke und die hängt in der Kabine.

Er blickt sich um die erste Stewardess zu suchen. Sie ist nicht zu sehen. Biber geht wieder nach hinten zur Küche. Seine Freundin fällt über ihn her, sobald er durch den Vorhang ist. Er kann sie abwehren. Sie ist beleidigt, weil er sie mit beiden Armen von sich hält.

Hauptmann Freeser winkte dem Operater-Unteroffizier, herüberzukommen. Da leuchtete aber über seiner Konsole das Rote Lämpchen. Er winkte ab. Die Operation musste unterbrochen werden. Über den Kopfhörer gab der Pilot den Grund der Unterbrechung durch. Die Sensoren für die Höhenmessung waren vereist. Er hatte die Computer ausschalten müssen und flog jetzt mit Handsteuerung. In solchen Situationen, so sagte es die Vorschrift, waren Fernsteuermissionen von Zivilmaschinen verboten. Wegen der Sicherheit.

Biber hatte inzwischen seiner Freundin erklärt, dass er den Türcode brauchte, um in die Kabine zu kommen. Die Freundin lachte ihn, immer noch beleidigt, aus, fing aber an nach dem Code zu suchen. Durch das Kabinenfenstern sah Biber draußen die Wolken aufreißen. Fetzen fliegen vorüber. Die Berge wurden erkennbar. Es ist ein trüber Tag über den Alpen. Da schoss die Erkenntnis wie ein Blitz durch seinen Kopf. Sie waren viel zu tief. Er ließ die Freundin stehen. Sie hatte den Code noch nicht gefunden. Er hastete nach vorne zur Cockpittür. Er hämmerte dagegen. Endlich rührte sich etwas hinter der Tür.

Hauptmann Freeser sah noch einmal auf seinen Monitor. Eben war ihm eingefallen, dass er bei Richtungsänderung ein „D“ für „Direktion“ hätte eingeben müssen, statt des „A“. „A“ stand für die Höhe. Aber die Operation war ja abgebrochen worden. Das Zeichen für das Radarecho der Zivilmaschine am oberen Rand seines Bildschirm verlosch gerade.

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Ausländer in Berlin

Eine Studie über Ausländerfeindlichkeit in Deutschland, wie es wohl jedes Jahr mehrere gibt. Wie schon so oft wird die besonders hohe Ausländerfeindlichkeit der Ostdeutschen hervorgehoben.

 Eine ruhige Berliner Straße im Jahre 2000.  Sie ist nicht sehr breit, wird flankiert von Lindenbäumen im frühlingshaften Pastell-Grün, gegenüber im zweiten Stock zieht eine türkische Familie ein.

Die Straße liegt im Osten der Stadt, in der ehemaligen Hauptstadt der DDR.

Bis dahin gab es in dieser Straße zwar auch Bewohner aus den verschiedensten Nationen: Ungarn und Argentinier,  Russen und Kongolesen, Kubaner und Vietnamesen, aber eben keine Türken. Kurdische Türken übrigens, die schon in der zweiten Generation in Berlin wohnen. Nie war jemand belästigt worden. Ausländerfeindlichkeit? Nein, man wohnte Tür an Tür und lud sich auch mal zum Essen ein.

Der Einzug wird irgendwie von allen Eingesessenen beobachtet. Es ist auch nicht zu übersehen. Der Einzug geht lautstark vor sich, das ist schon entgegen den sonstigen Gewohnheiten der Bewohner, die es eher ruhig lieben. Dann wird Bürgersteig und ein Teil der Straße über Gebühr lange durch ausrangierte Möbel blockiert. Auch das ist besonders, weil sonst jeder bemüht ist, den normalen Verkehr und das normale Verhalten der Bewohner möglichst wenig zu stören.

Dann, als sich um den Einzug herum alles wieder halbwegs beruhigt hat, sieht man zwei Frauen, die eine vermummt bis unter die Nasenspitze und die andere mit buntem, aber eng gebundenem Kopftuch, täglich, sofern das Wetter es zulässt, mehrere Stunden die Straße hinunter und wieder hinauf laufen. Jede von ihnen schiebt einen Kinderwagen. Begleitet werden sie oft von zwei Jungen im Vorschulalter.

Das wäre nicht unbedingt anstößig, weil auch mehrere Frauen, die schon länger in dieser Straße wohnen, Kinder haben, auch kleine, und es gibt auch welche, die ihre Arbeit verloren haben in den letzten Jahren und ebenso Zeit hätten, die Straße herauf und herunter zu laufen.

Anstößig ist nur, dass die beiden Frauen sich als Herrinnen der Straße fühlen, jedenfalls kommt es den vorbeihastenden Bewohnern so vor. Die beiden Frauen schieben gemächlich, weil sie ja Zeit haben,  nebeneinandergehend ihre Wägen  vor sich her. Sie bemühen sich erst gar nicht, auch an den engen Stellen nicht, Platz zu machen für Entgegenkommende oder Überholende. Sie blockieren mit ihren Wagen den Bürgersteig vor dem Gemüsehändler, sie stehen auch mal mitten auf der Straße und schwatzen.

Und auf dem Spielplatz kümmern sie sich nicht um ihre anderen Halbwüchsigen,  die durch den Sandkasten peitschen, sich mit Sand und auch Steinen bewerfen und dabei die spielenden Kleinkinder anderer Mütter beschmutzen und gefährden.

So etwas war den Bewohnern der Straße und auch den meisten der täglich durchlaufenden oder durchfahrenden Passanten unbekannt. Sie hatten gelernt, auf den anderen Rücksicht zu nehmen, den Nachbarn möglichst wenig zu belästigen und erwarteten die gleiche Auffassung auch vom Nachbarn. Die Türkinnen sind bald alleine mit ihrem Nachwuchs auf dem Spielplatz, wann immer sie dahin kommen.

 Ende September war es, da fuhr ein oben offenes Auto durch die Straße. Vier Männer saßen darin. Sie hatten dunkles Haar und ihre Haut war um einen Hauch dunkler als in Nordeuropa üblich und auch nach Haartracht und Bartwuchs, wie Kleidung und Gebaren war auf türkische oder mindestens südeuropäische Herkunft zu schließen. Die laute Musik, die aus dem Auto zu hören war, unterstützte den Eindruck.  Mehrere Bewohner der Straße, aber auch zufällige Passanten haben die Szene beobachtet.

Das Auto stoppte. Ein junger Mann stand aufrecht im Auto. Mit einer Pistole zielte er sorgfältig auf eine Schaufensterscheibe und schoss er am hellerlichten Tage darauf. Die Scheibe bekam ziemlich mittig ein Loch und strahlenförmige Risse gingen vom Loch aus. Beim zweiten Schuss zerriss die Scheibe vollständig und die Bruchstücke fielen aus dem Rahmen. Der Mann ließ sich wieder auf seinen Sitz fallen und das Auto wurde unaufgeregt wieder in Gang gesetzt und verschwand am Ende der Straße.

Ziel der Attacke war ein Video- und Musikverleih, der kurz zuvor dort eingezogen war. Der freundliche türkischstämmige Berliner kam aus dem Westen der Stadt. Die Bewohner besuchten den Laden schon lebhaft, jedenfalls bevor die Scheibe zu Bruch ging.

 Was, wenn einem Bewohner der Straße die Frage nach seiner Meinung zu Ausländern gestellt wird? Diesem jedenfalls wird, ob er will oder nicht, ob er Bild-Leser ist oder nicht, ob er auf Grund seiner Bildung und Erziehung, eine sonst eher liberale Auffassung vertritt, sofort die Invasion der Türken in seiner Straße einfallen. Die Antwort wird in jedem Falle als Ausländerfeindlichkeit gedeutet. 

Dabei ist es nicht ausländische Kultur, die aus dem Westen der Stadt auf diese friedliche Straße gekommen ist, sondern es ist westliche Kultur, oder besser: Unkultur, die auf den unvorbereiteten Ostgermanen kommt.

Dem nicht direkt mit der neuen Wirklichkeit Konfrontierten in einer Berliner Straße reicht ein Blick in die Bildzeitung für den Kulturschock oder auch die Berichterstattung auf den öffentlichen Fernsehkanälen oder ein Studium der Bücher eines gewissen Sarrazin für die Meinungsbildung.

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