Ach Du Heilige….

Normalerweise ist diese Zeit, die Zeit zwischen den Jahren, eine Zeit der Harmonie, des Friedens, der Familie, der Liebe. Schon als Kind bekommt man eingetrichtert: Jetzt wird abgerechnet! Sag, Bub, was hast Du in den letzten elfeinhalb Monaten angestellt, geh in Dich und dann wirst Du jetzt entlohnt werden!

Als Erwachsener freut sich auch auf die Zeit zwischen den Jahren. Es sind Betriebsferien, es werden Abrechnungen gemacht. Es wird Bilanz gezogen, die letzten Rechnungen werden verschickt und irgendwann wird der Arbeitsplatz aufger√§umt, der Papierkorb gef√ľllt, entleert und noch einmal gef√ľllt, bis all die √ľberfl√ľssigen Sachen, die sich im Jahr angesammelt haben, und die man f√ľr wichtig gehalten hatte, wichtig genug um aufgehoben zu werden, entsorgt sind.

Eine gewisse Erleichterung macht sich breit. Man kauft Kalender, auch einen Mondkalender, in dem das Wetter der letzten Dezembertage eingetragen wird. Wohl wissen, dass weder das Wetter noch man selbst sich im Laufe des kommenden Jahres um die Eintragungen k√ľmmern wird. Aber, man bereitet sich vor auf das kommende Jahr.

Ja, es gibt noch mal Hektik und Stress. Weihnachtsgeschenke m√ľssen besorgt werden, die Familie will was zu essen haben, die Wohnung muss gereinigt werden und da war doch der Besenstiel, der schon seit Wochen in der Ecke steht, wartend, dass endlich wieder der Besen darauf kommt.

Aber irgendwann ist es geschafft. Ruhe ist und man regt sich nicht mehr √ľber die ewig dudelnde Weihnachtsmusik in Radio, Fernseher und Kaufhauslautsprecher auf, sondern legt sich eine Platte auf, oder eine CD, meinetwegen, oder auch aus dem iPod √ľber Bluetooth in die Ohren.

Sonst und bei allen Leuten ist das so. Nur eben bei mir nicht.

Ich war gerade soweit. Schalte meinen PC ein, um die letzten eMails in Ruhe zu lesen, vielleicht dem einen oder anderen noch einen Gru√ü zu senden. Von der CD schwingt leise: „Merry Christmas…“. ¬†Nur der Rechner will nicht. „Blue screen“. Wer das kennt: Blauer Bildschirm, ganz viel geschriebenes drauf, aus dem keiner, auch beim siebten Mal lesen nicht schlau wird und kein Hinweis wie es weiter gehen soll.

Noch maliges Starten, Streicheln, Beschimpfen, Dagegentreten, nichts hilft. Nach zwei langen Stunden Verzweiflung und Fluchen kurzentschlossen die Schuhe angezogen, die Jacke √ľbergeworfen, von der Familie verabschiedet, denn es ist der 24.Dezember Vormittags und die Stadt wahrscheinlich ein einziger Hexenkessel. Aber Fehlanzeige. Ich finde sofort einen Parkplatz, im Spezialladen haben die Verk√§ufer auf mich gewartet und innerhalb einer Stunde bin ich wieder an meinem Schreibtisch.

Ich schlie√üe den neuen Rechner an. Ich denke nicht dar√ľber nach, was ich jetzt alles…

HDMI-Kabel vergessen einzukaufen. Der neue Rechner hat nur einen Anschluss f√ľr VGA und HDMI. Also muss ich vor√ľbergehend mit dem uralten VGA-Anschluss und einem Monitor auskommen. Na gut. Einschalten. Es l√§uft.

Ich habe Windows(Trademark) nie geliebt. Ich habe alle Versionen durch. Immer wenn man sich an eine gewöhnt hatte, kam die nächste. Ich habe mich wieder dran gewöhnt. Ich musste ja.

Dieses mal habe ich meine Zweifel. Die Registrierung l√§uft ohne nervige Eingaben und ohne noch nervigere Telefongespr√§che mit einer Maschine ab, sobald ich das Internetkabel angest√∂pselt habe. Aber was dann folgt, das √ľberfordert mich. Ehe ich den Aus-Schalter gefunden habe sind ein Dutzend neue Symbole auf dem Bildschirm und zwei dutzend Werbefenster aufgegangen. Wenn ich den Internetztstecker ziehe, ¬†geht gar nichts mehr. Einen neuen Versuch gibt es nicht. Trotz der Beteuerung von Microsoft(Trademark), keine pers√∂nlichen Angaben in das weltweite Netz abgeben zu m√ľssen, traue ich dem Frieden nicht. Ich entferne aus dem Bildschirm alle Symbole, mit denen ich nicht auf Anhieb etwas anfangen kann. Ich entferne alle Programme, die sich ohne meine Erlaubnis in den ersten zwei Stunden selber installiert haben. Ich stelle fest, dass im Hintergrund trotzdem alle Programme, die ich entfernt habe, weiterlaufen. Nach weiteren zwei Stunden sieht der Bildschirm wieder aufger√§umt aus, aber ich bin mir nicht sicher, welche Programme sich trotzdem noch alle 10 Sekunden mit dem WWW verbinden, um mein gegenw√§rtiges Befinden und meinen geistigen Zustand an alle m√∂glichen Interessenten zu √ľbermitteln. Die L√§mpchen am Router zeigen jedenfalls weiterhin Aktivit√§t an. Ich schalte die Kamera aus und das Mikrophon. Soweit ich mich erinnern kann, habe ich weder Kamera noch Mikrophon, aber sicher ist sicher.

Dann mache ich einen Fehler. Ich h√§tte gewarnt sein m√ľssen. Trotzdem, nach den stressigen Stunden will ich mir was g√∂nnen. Es gibt aber keine Spiele auf dem Rechner. Nicht einmal das bei Windows(TM) seit Jahrzehnten pr√§sente und von Millionen geliebte Solit√§r ist vorhanden. Ich mache den Fehler. Irgendwo habe ich ein Icon „Spiele“ gesehen. Ich klicke und habe sofort ein Dutzend neue Symbole installiert und zwei Dutzend Werbefenster offen. Nach dem erneuten Starten des PC will der von mir mein Geburtsdatum wissen. Ich schwindele und er antwortet mit der Bemerkung, dass ich bei meinen Eltern erst die Erlaubnis f√ľr die Benutzung des Computers einholen muss.

Es reicht. Es ist Weihnachten. Die Familie hat l√§ngst die Geschenke ausgepackt. Ich will jetzt nicht und st√§ndig mit der ganzen Welt verbunden sein. Was geht die Welt mein Gesicht oder meine K√∂rpertemperatur an? Ich will nicht mit Werbung zugeworfen werden, denn die Weihnachtsgeschenke habe ich l√§ngst gekauft. Ich will mit der Familie unter den Lichtern sitzen und auch mal ein Weihnachtslied mitbrummen. Ich will an meine Freunde Briefe schreiben, ohne dass die ganze Welt von mir und meinen Gedanken etwas erf√§hrt. Das interessiert die wahrscheinlich auch gar nicht. Ich will ich selbst und nur ich ganz pers√∂nlich sein. Notfalls werde ich zu Briefpapier und Schreibmaschine ¬†zur√ľckkehren.


Kommentare

Eine Antwort zu „Ach Du Heilige….“

  1. Ach was st√ľnden uns f√ľr Ressourcen, vor allem zeitlicher Art zur Verf√ľgung, wenn unsere elektronischen Ger√§te einfach funktionierten und nicht ununterbrochener Aufmerksamkeit bed√ľrften.
    Wie k√∂nnten wir in Ruhe, Frieden und Privatsph√§re leben, wenn dieselben Maschinen uns nicht beherrschen und unser Inneres der Welt√∂ffentlichkeit oder dem n√§chst gelegenen Marktforschungszentrum zur Schau stellen w√ľrden.
    Diese besinnliche Zeit zwischen den Tagen, ist ja auch eine Zeit zum Träumen.
    Frohes neues.

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