Griechenland, nächste Runde

Die Griechen, die Erfinder der Demokratie haben ein Parlament. Wie auch anders. Alle demokratisch regierten Länder haben ein Parlament, sogar nicht demokratisch regierte Länder haben ein Parlament.

Im Augenblick haben die Griechen allerdings ein kleines Problem mit der von ihnen gewählten  Volksvertretung. Sie fühlen sich nicht vertreten.

Das griechische Parlament hat eine Entscheidung getroffen. Eine unpopuläre. Die Griechen, die sind mit der Entscheidung nicht einverstanden. Aber die Börse hat Höhenflüge, vor allem die nicht griechische.

Die Erfindung der Demokratie war für die Griechen eine gute Sache. Die Bürger des (Stadt-) Staates versammelten sich auf dem zentralen Platz der Stadt und stimmten über die, alle Bürger der Stadt betreffenden, wirklich wichtigen Dinge ab. Eine Straße sollte angelegt werden, ein Grundstück sollte an einen Bürger verkauft werden, eine zentrale Wasserleitung sollte angelegt werden, das alles wurde gemeinsam beschlossen. Es wurde über die Erhebung, Erhöhung und Senkung von Steuern entschieden, über die Erklärung eine s Krieges und über die Entsendung von Hilfstruppen für andere Städte. U-Boote gab es zu der Zeit noch nicht, sonst hätten sie gemeinsam über die Anschaffung derselben abgestimmt. Auch über deren Finanzierung, die ja nicht unerheblich ist.

Irgendwann dann wurden nicht mehr alle Bürger in die Entscheidungsfindung einbezogen. Vielleicht war der Marktplatz zu klein geworden oder es waren zu viele Entscheidungen und die Bürger wollten nicht den ganzen Tag rumstehen und Reden anhören, oder den Amtsträgern wurde es zu anstrengend immer und immer wieder zu warten, bis endlich die Bürger eine gemeinsame Meinung hatten, welche Bäume an den Straßenrand gepflanzt werden sollten.

Nun haben die Griechen (das haben sie bei den anderen Völkern abgeschaut) ein paar Vertreter gewählt, die ihre Interessen auf der großen Versammlung vertreten sollen. Die Bürger wählten fortan Sprecher/Volksvertreter, die die schwere Arbeit der Findung einer gemeinsamen Meinung übernehmen sollten.

Das war das Ende der Herrschaft des Volkes. Jemanden zu beauftragen in seinem Sinne zu sprechen ist immer gefährlich. Wenn dann noch mehrere Leute einen Einzelnen beauftragen, in ihrem Sinne zu sprechen, wird es noch problematischer. Denn einer alleine kann schon mehrere Meinungen haben. Welche von seinen Meinungen stimmt jetzt wohl mit allen Meinungen der von ihm vertretenden Bürger überein?

Bisher hat es die Griechen anscheinend weniger gestört, wenn die Volksvertreter anders entschieden haben, als  allgemeine Meinung war. Solange es sich leben ließ. Alle wissen es: die Bürger, die Parlamentarier, die Regierung, die Banken, der Gemüsehändler und eben alle. Der Gemüsehändler sagt sich: Ich kann nichts mache, will nichts machen, ich kann mich nicht anlegen mit denen da, werden schon das Beste machen, und Hauptsache sie lassen mich überleben. Und so denken sie alle. Mehr oder weniger.

Sie (die Bürger, die Griechen) haben zwar gesehen, wie der Industrie und den Banken, den Verwandten und Freunden gewisse, manchmal auch mehr, zugesteckt wurde von den Vertretern des Volkes, aber solange man selbst überleben kann, verzichtet man als Bürger eben auf den Ärger.

Solange es sich leben ließ. Da scheint jetzt eine Grenze erreicht. Die Griechen gehen auf die Straße. Sie machen sogar einen Generalstreik, wann kommt das schon mal vor?

Wenn der Gemüsehändler nicht mehr vom Verkauf seiner Gurken und Tomaten leben kann, wenn der Fährschiffkapitän nicht mehr ausreichend Gehalt bekommt, um die Freundinnen in den Häfen bei Laune zu halten und wenn der Beamte keine Schmiergelder mehr bekommt, weil keiner mehr baut, dann ist das Maß voll. Dann geht es auf die Straße.

Nun ist in den letzten Jahrhunderten die Meinung darüber, was Demokratie ist, etwas auseinandergegangen. Auch die Meinung, das Volk könne gar nicht so genau feststellen was für sie das Beste wäre, ist durchaus oft vertreten. Die Schweizer haben erst im letzten Drittel des letzten Jahrhunderts ihren Frauen zugestanden eine eigene Meinung zu haben und die Schweizer hält man ja durchaus für ein kultiviertes Volk.

 So kommt es also vor, dass die Parlamentarier für sich festlegen, was das Beste für das von ihnen vertretene Volk ist.

Manche Parlamentarier nehmen noch für sich in Anspruch, ja das Beste für Griechenland, also das griechische Volk, zu wollen. Sie meinen aber nicht den Gemüsehändler oder die Hausfrau oder den Beamten, sondern die Industrie und die Banken. Vielleicht meinen sie auch auf Grund fehlender oder falscher Bildung und Erziehung, wenn es den Industrien und den Banken gut geht, dann geht es auch dem Volk gut, steht ja in der Bibel: Geben ist seeliger denn Nehmen und Bill Gates spendet ja auch für gute Sachen. So etwas gibt es. Denkt man. Allerdings landen die Millionen, die Gates spendet, zu über 80 Prozent in Stiftungen, die auch nur wieder andere Leute schmieren, die sowieso schon genug haben. Bei den Bedürftigen kommt ein nur sehr geringer Teil des Geldes an. Alles Etikettenschwindel, die Großzügigkeit. Aber der Schöpfer sieht es und Bill wird nicht in den Himmel kommen.

Nun geht es den  Durchschnittsgriechen schon schlecht und er malt sich aus, was passiert, wenn das Parlament die Sparmaßnahmen beschließt, wie es die Banken wollen. (Inzwischen ist es geschehen.)

Das geht über die Grenze hinaus, die der Grieche verträgt. Also macht er mal Generalstreik. Das ist politisch motivierter Generalstreik. Das ist was Schlimmes (Achtung! Nicht nachmachen! In Deutschland nicht erlaubt!), weil es die Grenzen der Macht der Banken und Industriebosse aufzeigt.

Aber wohin soll es gehen. Die Spanier sind auf der Straße, die Italiener sind auf der Straße, aber fragt man sie, so wissen sie nicht was werden soll. Es soll anders werden. Wie anders, das wissen sie nicht.

Warum berufen die Griechen ihre Vertreter nicht einfach ab und wählen neue Volkvertreter, von denen sie sicher sein können, dass diese ihre Interessen vertreten in der großen Versammlung. (in Deutschland gibt es auch solche Beispiele.  Es ist nachgewiesen, dass die Mehrheit des Volks den sofortigen Rückzug der Truppen aus Afghanistan möchte, aber das Parlament verlängert den Kriegseinsatz. Trotzdem dürfen die Parlamentarier auf ihren Stühlen bleiben, keiner der Bürger verlangt nachdrücklich den Rücktritt.)

Die Griechen wissen: auch mit einer Neuwahl wird es nicht besser mit der Meinungsvertretung im Parlament. Und deshalb gehen sie auf die Straße. Wenigstens mal die Wut ablassen.

Eine Lösung gibt es: Das Internet. Da könnten sich wieder alle Bürger an der Entscheidungsfindung beteiligen. Die Parlamentarier könnten die Moderatoren sein. Eine großartige Sache, das Internet.

 Allerdings würde die Macht dann wieder an die übergehen, die eigentlich die Macht haben sollten, laut offizieller Auslegung des Begriffes Demokratie, an das Volk. Da würden einige andere ihre Macht verlieren, die zwar das Plakat Demokratie vor sich hertragen, aber was ganz anderes meinen. Und freiwillig werden die Damen und Herren ihre Macht nicht hergeben.

 Das Volk, wenn es schon auf die Straße geht, wenn es schon den politischen Streik auf die Straße bringt, sollte auch das fordern: Wiedereinführung der Demokratie. Die Stärke dazu haben sie, denn sie bauen die Häuser, die Fernseher, pflanzen die Bäume und ernten die Tomaten. Das sind die Grundlagen, nicht die Börse.


Kommentare

Eine Antwort zu „Griechenland, nächste Runde“

  1. Finde ich gut, dass hier oft geschrieben wird.

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