Der Warteraum ist brechend voll. Die Aufnahmeschwester bemüht sich um schnellen Durchlauf. Der Arzt hält das Tempo mit. Im Zehn-Minuten-Takt werden die Leute durch die Behandlung geschleust. Vorher oder hinterher wird Blut abgenommen. Sicher ist sicher, jedenfalls lässt es sich abrechnen.

Einer kommt wegen eines Furunkels am Knie. Während seiner Wartezeit erzählt er den Neugierigen von seiner Behandlung und der Freundlichkeit des Arztes. Ein eingehendes Gespräch, vier verschiedene Salben und eine Überweisung zum Röntgen. Mal sehen ob der Knochen beschädigt ist. Der Mann macht sich Gedanken. Von den Knochenschmerzen hatte er noch gar nichts bemerkt, aber jetzt wo der Arzt ihm so darauf hingewiesen hat, ja, da merkt er es auch.

Ein anderer Mann kommt wegen eines gebrochenen Zehs. Auch er muss zum Röntgen. Aber er hat auch noch eine Broschüre über gesunde Lebensweise bekommen und eine Salbe für das unverletzte Bein, damit es sich nicht ansteckt. Eine ältere Dame wird vom Arzt selbst bis an die Tür gebracht. Sie drohte den zügigen Durchlauf zu stören weil sie unbedingt noch die Krankheiten ihrer Enkel aufzählen wollte, obwohl die Enkel gar nicht in der Praxis sind. 

 Als ich dran bin sitzt der Arzt vor seinem Computer. Er tippt irgendwelche Daten ein. Als er kurz hochschaut zeige ich auf meine Nase. Ehe ich auch auf meinen Hals zeigen kann ist er schon wieder hinter seinem Computer verschwunden. Ich gebe einen krächzenden Laut von mir.

Der Arzt empfiehlt mir eine Mammographie. Dann, als er endlich hochsieht, sich streckt, um die Computerverkrampfung zu dämpfen, schrickt er nur ganz kurz zusammen und schwenkt auf Prostatakrebsvorsorgeuntersuchung um.

Ich war wegen einer mittelschweren Erkältung gekommen und wollte eigentlich nur mal eine Woche faulkrank machen. Ich bekomme einen Krankenschein und eine Salbe. Und zur Vorsorgeuntersuchung soll ich nächste Woche wiederkommen.

Früher, so erzählt man sich, in alten Zeiten, da hätten die Ärzte noch Ehre im Leib gehabt und sie sahen es als ihre vorrangige Aufgabe an, die Leute gesund zu machen.

Das muss ein Traum gewesen sein.

Ich wage gar nicht daran zu denken, wenn ich wirklich mit einem Problem zum Arzt gekommen wäre, irgendeine Krankheit, die den Arzt gezwungen hätte von seinem Stuhl aufzustehen und mir mal die Lunge abzuhorchen. Wenn er die Notwendigkeit erkannt hätte, wäre er auch in der Lage gewesen, sich von seinem Stuhl zu erheben? So vom Willen her und auch körperlich? Und wenn das, so bin ich im Zweifel, ob er die notwendigen Handgriffe noch beherrschte: Abklopfen mit dem Fingerknöchel, Stethoskop anlegen. Horchen, sagen „tief einatmen“, und so weiter. Und dann noch die Zeichen deuten könnte.

Aber das muss er ja gar nicht. Dafür ist er ja nicht Arzt. Ein Arzt muss Geld verdienen. Das einerseits um sich seinen ärztlichen Lebensstil zu finanzieren, das aber auch um die Kredite abzuzahlen, die er für die Einrichtung der Praxis aufgenommen hat. Er muss die Angestellten bezahlen und die Steuern und die Mitgliedsbeiträge. Im Grunde geht es ihm nicht viel besser als unsereins, vielleicht nur auf höherem Niveau.

Ein Arzt verdient mit der Behandlung von Leuten seinen Lebensunterhalt. Für ihn ist es gut, wenn viele Leute mit wenig Krankheiten durch seine Praxis gehen. Er rechnet Leistungen ab und je mehr Leistungen er abrechnet, desto mehr Geld verdient er. Und das ist sein Ziel. Ein anderes Ziel darf er gar nicht haben. Wenn er etwa versuchen würde, die Leute gesund zu machen, so kämen sie nicht mehr in die Praxis. Dann könnte er mit ihrer Behandlung kein Geld verdienen. Und außerdem, eine richtige Behandlung kostet Zeit. Viel mehr Zeit als ihm zur Verfügung steht. Er muss Leistungen laut Katalog abrechnen. Dafür hat er laut Katalog eine bestimmte Zeit. Wenn er diese überschreitet, so schießt er zu. Und das will und kann er nicht. Wegen der eigenen Zahlungsverpflichtungen.

 Krank sein ist schon nicht besonders schön, aber dann auch noch ausschließlich als Objekt der Geldgewinnung behandelt zu werden, das macht Angst. Da muss man noch gar nicht an die markttechnische Verwertung der eigenen Organe denken. Natürlich nur im Todesfall. Da wundert es auch nicht, wenn die Organspendeskandale, die Blutspendeskandale, die Hygeneschlampereitodesfälle in den Kliniken immer wieder mal für Schlagzeilen sorgen. Der Patient, wo er auch auftaucht, ist das notwendige Beiwerk einer Maschinerie für Geldgewinnung.

Ein Objekt. Nicht der Mittelpunkt. Solange das Medizinwesen marktwirtschaftlich organisiert ist. – Es geht anders. Aber solange das nicht anders ist, solange versuche ich den Ärzten und Kliniken fern zu bleiben.

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